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Seamus Heaney gewinnt renommierten T. S. Eliot-Preis

Der Nobelpreisträger aus Irland überzeugt Jury mit neuem Gedichtband "District and Circle".

Seamus Heaney gewinnt renommierten T. S. Eliot-PreisSeamus Heaney hat mit "District and Circle" erstmals den renommierten und mit 10 000 Pfund dotierten T S Eliot Prize for Poetry gewonnen. Der 67-jährige Literaturnobelpreisträger, der sich in Dublin von einem leichten Schlaganfall im letzten Sommer erholt, konnte den Preis nicht selbst in London entgegen nehmen, sagte aber, er fühle sich "aus vielen Gründen für die Verleihung des Preises geehrt: schon allein die Aura des Namens T.S. Eliot, dann die Liste der hervorragenden Vorgänger als Empfänger des Preises, die Qualität der anderen Dichter auf der Auswahlliste, und das hohe Ansehen der Jurymitglieder."

District and Circle

Seamus Heaneys erster Gedichtband seit fünf Jahren


T.S. Eliot sagte einmal, der Literaturnobelpreis sei das Ticket zur eigenen Beerdigung. Niemand hätte je etwas Nennenswertes produziert, nachdem er den Preis erhalten habe. Seamus Heaney wurde 1995 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat seither die Gedichtbände ‘The Spirit Level’ (1996) und ‘Electric Light’ (2001), eine vielbeachtete Übersetzung von ‘Beowulf’ (1999) sowie das Theaterstück ‘The Burial at Thebes’ (2004) vorgelegt.
Letztes Frühjahr erschien die neue Gedichtsammlung ‘District and Circle’.

Der Titel ist mit Bedacht gewählt. Einerseits verweist er auf die Gedichte über die Londoner Untergrundbahn, die er vor und nach dem Terroranschlag vom 7. Juli 2005 schrieb und die den Mittelpunkt des vorliegenden Bandes bilden; andererseits fängt der Titel auch die Gabe Heaneys ein, zwischen dem Lokalen und dem Globalen, zwischen seiner Heimat und Jugend in Derry und dem weiteren Erdkreis Verbindungslinien zu ziehen.

Das Gedicht, das dem Band seinen Titel gibt, ‘District and Circle’ (nach der gleichnamigen Londoer Untergrundlinie) ist wie die anderen vier Sonnette zum selben Thema eine Reflektion, die mit den Konzepten des Lokalen und Globalen spielt, beeinflußt von Homer, Vergil und Dante, von Orpheus und Eurydice bis zum Inferno. ‘Anything Can Happen’ (nach Horaz) drückt wohl am besten aus, daß unsere Welt nach 9/11 ein gefährlicherer Ort geworden ist, daß unsere innere Balance erschüttert ist. Jupiter hat seinen "thunder cart" über den blauen Himmel geführt, die Erde durch gerüttelt und den Untergrund, den "River Styx", blockiert. "Anything can happen, the tallest towers/Be overturned..."

Ground gives. The heaven’s weight
Lifts up off Atlas like a kettle-lid.
Capstones shift, nothing resettles right.
Telluric ash and fire-spores boil away.


In ‘Anahorish 1944’ erinnert sich der Dichter an die amerikanischen Soldaten, die hier in Irlands Norden stationiert waren, "Hosting for Normandy". Und es fällt nicht schwer, über das Erstaunen der Nachbarn in Anahorish ob dieser exotischen Gestalten, "guns on their shoulders, marching./Armoured cars and tanks and open jeeps./Sunburnt hands and arms" den Sprung zu machen, wie wohl westliche Soldaten, in Afrika, im Irak oder in Afghanistan von der lokalen Bevölkerung gesehen werden. Während die Bauern im Schlachthof Schweine schlachten, bereiten sich die Soldaten auf D-Day vor, die blutige Schlacht in der Normandie.

Nach einigen Lesungen in Island flog Heaney zurück nach Irland. Die Landschaft hatte ihn als unwirtlich, als kalte Wüste bei aller Faszination mit Urängsten erfüllt. Aber aus der Vogelperspektive ruft er sich (in dem Gedicht ‘Höfn’) ins Bewußtsein, daß die Gletscher schmelzen, das der so fragile Mensch dabei ist, diese anscheinend unbezähmbare Natur aus dem Gleichgewicht zu bringen.

‘District and Circle’ bezieht seine Spannung aus der Gegenüberstellung von persönlich gefärbten Beobachtungen und Erinnerungen und den krassen Realitäten der Gegenwart. Im Idyll lauert bereits die Gefahr – ob Terroranschlag oder die Vertreibung eines Nachbars aus religiösem Hass.

Es ist vierzig Jahre her, seit Heaney seinen ersten Gedichtband, 'Death of a Naturalist’, veröffentlichte. In ‘District and Circle’ wird bekanntes Heaney-Territorium neu besichtigt. Körperliche Arbeit wie Holzspalten in ‘A Hagging Match’, das Rübenzerhacken im ‘Turnip-Snedder’ oder das Setzen eines Baumes in ‘Planting the Alder’. Die ‘Door into the Dark’ im gleichnamigen Gedichtband on 1969 war die Tür der Schmiede von Barney Devlin – hier, in ‘Midnight Anvil’, erinnert Heaney daran, wie Barney mit Hammerschlägen auf seinem Amboss das neue Millennium einläutete. ‘The Blackbird of Glanmore’ erinnert an die Glanmore Sonnets in ‘Field Work’ (1979), eine Serie von Sonnetten, die er über seine neue Wahlheimat in den Wicklow Mountains schrieb, nachdem er 1972 von den ‘Troubles’ hier Zuflucht gesucht hatte. ‘The Tollund Man in Springtime’ knüpft an ‘Wintering Out’ und ‘North’ an, Heaneys direkteste Auseinandersetzungen mit dem Konflikt in seiner Heimat. Und es birgt eine der Zeilen, die Heaneys Widerstand und Überzeugung ausdrücken: "History not to be granted the last word / Or the first claim..."

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß auch ein T.S. Eliot sich irren kann, Seamus Heaney hat ihn spätestens mit diesem Gedichtband erbracht. Zugänglich, anregend, überraschend – Heaneys Beobachtungsgabe, seine Neugier und vor allem seine Sprachkunst machen aus ‘District and Circle’, das kann man jetzt schon absehen, einen modernen Klassiker.

District and Circle wurde sowohl für den Costa (vormals Whitbread) wie auch den T.S. Eliot-Preis nominiert.

Seamus Heaney, District and Circle, London: Faber and Faber, 2006, geb. Ausgabe, £12.99.

geschrieben von Eberhard Bort am 21.01.2007 um 16:09 Uhr.


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