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Zwei irische Autoren mit guten Chancen auf den Booker Preis
Im Literatur-Rennen: Emma Donoghues "Room" und Paul Murrays "Skippy Dies". Entscheidung fällt am 7. Sepetmber.
Durch 138 Romane musste sich die Jury hindurchlesen – Ende Juli veröffentlichte sie dann die ‘Long List’ von 13 Werken, die für den renommierten Booker Prize in Frage kommen. Darunter auch zwei Romane von irischen Autoren – und zwei Bücher von Schriftstellern, die in Irland leben.
In Emma Donoghues ‘Room’ geht es (nicht nur) um die grauslige Geschichte von Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller eingesperrt hatte, sie vergewaltigte und Kinder mit ihr zeugte, von denen einige bis zu ihrer Befreiung nie das Sonnenlicht sahen. Die Geschichte schockierte vor zwei Jahren die Öffentlichkeit weit über Österreich hinaus. In Emma Donoghues Roman werden ein Junge und seine Mutter in einem kleinen Gartenhäuschen festgehalten (ähnlich wie im Fall Jaycee Dugard in Kalifornien). Erzählt wird die Horrorstory vom fünf Jahre alten Jack, der den einen abgeschlossenen Raum, in dem er mit seiner Ma lebt, für die Welt hält. Seine Mutter hat ihm, um ihn zu schützen, nichts von der Welt draußen erzählt.
Emma Donoghue stammt aus Dublin. Sie ist die Tocher des Englisch-Professors Denis Donoghue, der am UCD unterrichtete und heute in New York lehrt. Ihr bekanntester Roman bis dato war die hitorische Mördergeschichte ‘Slammerkin’.
Paul Murray und Skippy
Der zweite Roman eines Iren auf der ‘Langen Liste’ ist 'Skippy Dies', und der Gegensatz zu Donoghues Werk könnte nicht größer sein. Paul Murray hat ein kleines Meisterwerk in der ‘comic tradition’ geschrieben. Genauer: eine Dubliner Tragikomödie.
Der Roman des Dubliners Paul Murray ist ein voluminöser Schmöker mit 670 Seiten höchst unterhaltsamen Lesefutters. Seabrook College in Dublins Southside ist der Ort der Handlung – eine Privatschule für Knaben. Und die spielen dann auch die Hauptrolle in dieser erzkomischen Tour de Force. Und die Lehrer natürlich. Ihr Leben innerhalb und außerhalb der Schulmauern liefert den Stoff. Oh – und dann ist ja da noch die Mädchenschule in unmittelbarer Nachbarschaft.
Facettenreiches Bild des heutigen Dublin
Da wäre zunächst einmal der übergewichtige Ruprecht Van Doren, ein kleines Genie (Hobbys: knifflige Mathematik und extra-terristrische Intelligenz). Er teilt sich ein Zimmer mit Daniel ‘Skippy’ Juster. Der wiederum verknallt sich in Lori, die Frisbee-Queen der Mädchenschule. Und plötzlich mischt auch Carl mit, seines Zeichens Drogenhändler und Schulpsychopath. Die Entscheidung muss ein Doughnut-Wettessen bringen, das nur einer überleben wird.
Paul Murray arbeitete sieben Jahre an diesem, seinem zweiten Buch (nach ‘The Long Good-bye’). Das Warten hat sich gelohnt. Die 672 Seiten bieten ein Wechselbad urkomischer Szenen und unter die Haut gehender Enthüllungen – ein facettenreiches Bild des heutigen Dublin. Rosita Boland nannte das Buch in der Irish Times “a thumping good read” und prophezeite, dass ‘Skippy Dies’ das Zeug zum “Kultbuch” habe. Ob es die Booker ‘Short List’ schafft, die Anfang September verkündet wird, sei dahingestellt. Ein habhafter Lesespaß ist es allemal.
Mitchell und Warner stehen ebenfalls auf der Long List
Während irische Kommentatoren, wie John Spain im Irish Independent, Joseph O’Connors ‘Ghost Light’ auf der ‘Long List’ vermissten, schafften zwei Autoren, die Irland zu ihrer Heimat gemacht haben, den Sprung in die erlesene Gesellschaft der letzten 13: Der vormalige Beinahe-Booker-Gewinner (’Cloud Atlas’) David Mitchell mit seinem Buch ‘The Thousand Autumns of Jacob de Zoet’, das in einer Besprechung im Sunday Telegraph bereits als verdienter Gewinner des Booker ausgerufen wurde – ein Buch über die Begegnung zweier Zivilisationen im ausgehenden 18. Jahrhundert auf einem von Menschenhand geschaffenen Eiland vor der japanischen Küste, von wo aus die Holländer und die East India Company mit den von der Außenwelt ansonsten abgeschlossenen Japanern zu handeln beginnen.
Alan Warner ist Schotte, aus Connel bei Oban. Aber er lebt seit Jahren in Irland. Mit ‘The Stars in the Bright Sky’ knüpft er an ‘The Sopranos’ an. In jenem Roman ging es um den Ausflug einer Mädchenklasse zu einem Chorwettbewerb nach Edinburgh – und was an einem Tag in der Hauptstadt so alles passieren kann. Nun treffen sich die unternehmungslustigen Mädels wieder – inzwischen aus der Schule – am Gatwick Airport, von wo aus es zu einem Last Minute Holiday-Trip gehen soll. Slapstick galore – aber am Ende ein Roman über Freundschaft und verlorene Unschuld.
Die Short List wird am 7. September veröffentlicht. Der mit £50 000 dotierte Man Booker Prize wird am 12. Oktober bei einem Gala-Dinner in London vergeben.
geschrieben von Eberhard Bort am 31.07.2010 um 18:14 Uhr.


