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Nordirland

Soldaten mordeten kaltblütig oder schossen aus Angst

Saville-Report bringt Gerechtigkeit für die Opfer des Bloody Sunday (1972) in Derry.

Soldaten mordeten kaltblütig oder schossen aus AngstZwölf Jahre dauerte die Untersuchung von Lord Saville. Mehr als 38 Jahre mussten die Angehörigen von 13 Toten, die das britische Fallschirmjäger-regiment am 30. Januar 1972, am ‘Bloody Sunday’, während einer Bürgerrechtsdemon-stration in Derry erschoss, auf das Ergebnis warten: die Opfer waren unschuldig; sie waren unbewaffnet; die Armee hat gemordet. Mehr als 230 Millionen Euro hat das längste und kostspieligste Untersuchungsverfahren der britischen Geschichte gekostet. 2500 Zeugenaussagen wurden über die zwölf Jahre protokolliert: 30 Millionen Worte füllen mehr als 5000 Seiten!

Erste Untersuchung ein Skandal

Als Zeichen im beginnenden Friedensprozess hatte Tony Blair es 1998 eingesetzt, weil unter Nationalisten und Republikanern klar war, dass der Report einer ersten Untersuchung durch Lord Widgery, der nach nur vier Wochen zu dem Ergebnis gekommem war, in knappen 558 Worten, dass die Soldaten von jeder Schuld freizusprechen seien, ein Skandal war. Brian Friel reagierte auf diesen offensichtlichen ‘Whitewash’ – dieses Weißwaschen – mit seinem Drama ‘The Freedom of the City’, das der Empörung über das Vorgehen der britischen Regierung und Armee Ausdruck verlieh.

Doch die Empörung machte ‘Bloody Sunday’ auch zu einer Ikone des gewaltsamen IRA-Aufstandes und trieb der Untergrundorganisation massenhaft neue Rekruten in die Arme. Der ‘Blutsonntag’ wurde so zu einem Wendepunkt des Konflikts in Nordirland. Das Jahr 1972 sollte mit fast 500 Toten das blutigste der gesamten ‘Troubles’ werden. Bloody Sunday verhalf aber nicht nur der IRA zur benötigten Legitimierung, die Ereignisse im Januar ’72 füllten auch die Kassen der Hilfsfonds’ – wie Noraid – in den USA, die der IRA neue Waffenkäufe ermöglichten.

Brutale Klarheit

Das Ergebnis der Saville-Untersuchung überrascht höchstens in seiner brutalen Klarheit. Denn dass die Opfer von Derry unschuldig waren, schien bereits 1992 für Premierminister John Major erwiesen. Lord Saville spricht in seinem über 5000 Seiten starken Abschlussbericht nun eindeutig von ‘unlawful killings’ – ungesetzlichen Tötungen. Und der britische Premierminister David Cameron entschuldigte sich im Parlament im Namen seiner Regierung. Er bedaure die Rolle der britischen Armee bei der Gewalt vor 38 Jahren zutiefst, sagte er, was in Derry mit großem Applaus begrüsst wurde.

Die Untersuchung hat ihre Kritiker – Justizminister Kenneth Clarke verstieg sich dazu, sie als "ein Desaster an Zeit- und Geldverschwendung" zu brandmarken. Für die Angehörigen der Opfer und für die Bevölkerung nicht nur in Derry, sondern in ganz Nordirland, markiert der Saville-Bericht dagegen den Abschluß eines qualvollen Prozesses. Und die Möglichkeit, nun nach vorne zu schauen.

"Great Healing Moment in Irish History"

Für Derry kam die Veröffentlichung des Berichts als eine Befreiung. Gerry Moriarty in der Irish Times sprach von einem "great healing moment in Irish history". So groß war die Spannung gewesen, ob Lord Saville eine klare Sprache sprechen würde, oder ob auch weiterhin Zweideutigkeiten und unausgeräumte Verdachtsmomente auf der Geschichte lasten würde.

Saville hat Widgery ausgelöscht. Nun, nach 38 Jahren, ist vor aller Welt klar, dass die Toten von Derry unschuldig waren. Einige, wie Saville unmissverständlich feststellt, kaltblütig ermordet, andere von Soldaten in Panik oder aus Angst erschossen. Keiner der Morde könne irgendwie gerechtfertigt werden.

Die Schuld wird in erster Linie dem Kommandierenden des ersten Fallschirmspringerregiments, Lt Col Derek Wilford, zugewiesen. Saville wendet sich aber gegen Verschwörungstheorien und sieht keine Beteiligung oder Schuld der britischen Regierung am Vorgehen des Regiments. "Bloody Sunday war eine Tragödie für die Hinterbliebenen, die Toten und die Verwundeten", so Lord Savilles Fazit, "und eine Katastrophe für die Menschen in Nordirland."

Angehörige sind erleichtert

Bleibt noch die Frage, ob die schuldigen Soldaten gerichtlich belangt werden können bzw. sollen. Angesichts der Amnestien, die seit 1998 im Friedensprozess ausgesprochen wurden, scheint dies unwahrscheinlich. Die meisten Angehörigen scheinen in erster Linie froh und erleichtert, dass auch der Hauch einer Schuld auf Seiten der Opfer nun endgültig ausgeräumt ist.

Wer weiß, was Nordirland erspart geblieben wäre, hätten die britischen Soldaten sich am 30. Januar 1972 besser im Griff gehabt? Wer weiß, ob der Friedensprozess nicht zwei Jahrzehnte früher hätte beginnen können, wenn Lord Widgerly einen wahrhaftigen Untersuchungsbereicht vorgelegt hätte?

Symbolischer Fußmarsch in die Bogside

Niemand in Nordirland will zurück in die Siebzigerjahre. Heute sitzen Martin McGuinness, der damals ein IRA-Kommandant in Derry war und bei der Demonstration laut Lord Saville mit einem Maschinengewehr bewaffnet war (aber nicht schoss), und die Vertreter der Unionisten gemeinsam in der nordirischen Rergierung.

First Minister Peter Robinson (DUP) akzeptierte den Report und seine Schlussfolgerungen. Er hoffe, sagte er, Saville werde den Angehörigen das Gefühl vermitteln, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahren sei. Und protestantische Kirchenführer unternahmen einen symbolischen Fußmarsch in die katholische Bogside, als Versöhnugsgeste. Wie David McKittrick im Irish Independent feststellte, ist mit dem Saville-Report eines der letzten noch fehlenden Puzzleteile des Friedensprozesses ins Gesamtbild eingefügt worden.
Foto: Pixelio/Schütz

geschrieben von Eberhard Bort am 22.06.2010 um 16:55 Uhr.


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