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Paddys Büchertipp: Jack Taylor fliegt raus

Hibernian Noir: In Ken Bruens Kriminalroman "The Guards" säuft sich Taylor durch Galway.

Paddys Büchertipp: Jack Taylor fliegt rausHarry Rowohlt ("ein saukomischer Kerl", Zitat Bruen) macht den ersten Jack-Taylor-Krimi ‘Jack Taylor fliegt raus’ (Originaltitel: ‘The Guards’) auch auf Deutsch zu einem Lesevergnügen.
Krimi? Es falle ihm schwer, "hier nur von einem Krimi zu reden. Es handelt sich vielmehr um ein zartes Meisterwerk, in dem ein bisschen gemordet wir", so charakterisierte James Crumley den Roman ‘The Guards’ von Ken Bruen ("Ein Mann nach meinem Herzen", Zitat Harry Rowohlt).


Ein Fall für Jack

Tatsächlich geht es mehr ums Trinken als ums Lösen von Kriminalfällen. Jack Taylor, in den Alkohol und in Bücher verliebter Polizist, fliegt raus – aus der Garda Siochána. Was bleibt? Er verdingt sich in seiner Heimatstadt Galway als Privatdetektiv. Aber Vorsicht, ‘Informers’ werden in Irland nicht gelitten. Und ‘Private Eyes’ segeln ganz nah am Wind. Grogan’s, die einzige Kneipe in Galway, in der er noch nie Lokalverbot hatte, wird zum Hauptquartier, der Kneipier Sean sein bester Freund.

Hier bezieht er jeden Morgen Stellung und wartet auf Kundschaft. Er ist billig, also kommt immer wieder mal ein kleiner Auftrag rein. Doch dann steht Ann Henderson vor ihm, deren Tochter angeblich Selbstmord verübt, sich an Nimmo’s Pier ertränkt haben soll. Ein Fall für Jack.

Klassischer Alkoholiker

Doch das Detektivspielen hat so seine Mucken, wenn man jeden Morgen mit einem verkaterten Brummschädel aufwacht und erst ein flüssiges Frühstück braucht, um wieder halbwegs klar denken zu können. Oder wenn der alkoholische Blackout nicht nach Stunden, sondern nach Tagen bemessen wird. Da verliert man schon mal den detektivischen Faden.

Auch ist es nicht unbedingt hilfreich, in der Entzugsklinik in Ballinasloe zu landen und fast vierzehn Tage außer Gefecht gesetzt zu sein. Das führt schon mal zu Schuldgefühlen. Die dann wieder ganz stark nach Alkohol rufen.

In Ballinasloe dachte ich hundert Dinge. Hauptsächlich depressiver Natur. Die Straßen, die nicht bereist wurden, sondern auf denen blind entlanggetaumelt worden war. Menschen, die freundlich zu mir gewesen waren und denen ich so übel mitgespielt hatte. Rücksichtslos die Gefühle anderer ignoriert. Oh ja. Ich schleppte eine Riesenladung Schuldscheiße mit mir herum. Plus einem Spritzer Reue und gallonenweise Selbstmitleid, schon hatte man den klassischen Alkoholiker in all seiner stockfleckigen Herrlichkeit.

Da ist auch noch Sutton, der Maler, mit dem Jack eine Vergangenheit in Kneipen verbindet. Und der ihm bei seiner Arbeit – und beim Trinken – hilft, oder etwa nicht? So stolpern sie über zwei Verdächtige – Neureiche, die der keltische Tiger hochgespült hat. Und es gibt Tote.

Schwarze Serie

Stil und Atmosphäre erinnern an amerikanische Krimis, and die ‘schwarze Serie’ der Klassiker Hammet und Chandler, an Lawrence Block, dessen Matt Scudder wie Jack Taylor auch mehr mit sich selbst und seiner Trunksucht zu kämpfen hat als mit dem Verbrechen, oder Nick Stefanos in den hochprozentigen Romanen von George Pelecanos. Dazu tragen auch die eingestreuten Noir-Zitate bei – von Jim Thompson und Ed McBain bis Elmore Leonard. Aber das Ambiente ist unverwechselbar ein Galway, das unter dem ungleich verteilten neuen Reichtum des Keltischen Tigers langsam vor die Hunde geht.

Oder wie soll man das anders ausdrücken, wenn einem unterm Arsch weg das Büro, also Grogan’s, abhanden kommt, weil der Schnösel von neuem Besitzer einem den Stuhl vor die Tür setzt? Und einem auch noch die Wohnung gekündigt wird, weil daraus ein Yuppi-Flat werden soll? Und doch, auch im heutigen Galway – Gott macht immer wieder ein Türchen auf. Fürs Wohnen gibt es das etwas versteckt gelegene, und geradezu behaglich heruntergekommene Bailey’s, ein Hotel, das von zwei ganz entzückenden älteren Damen geführt wird; und fürs Trinken ist Jack nicht der einzige, der nach dem Verlust von Grogan’s zu Nestor’s an den rettenden Tresen wechselt.

Love Story

Ja, zwischen Trinkgelagen und Trockenphasen entwickelt sich sogar eine kleine, zarte Liebesgeschichte, die natürlich – wir befinden uns im ‘Hibernian Noir’ – im Unglück endet. Und, ja, ab und an wird auch der Fall verfolgt. Ermittlungen würde man das wohl kaum nennen können. Aber ein Penner hat Informationen, ein ehemaliger Bulle, der Jesus Christus gefunden hat. Zumindest für Jack Taylor ist der Fall am Ende jedenfalls gelöst. Und er hat ein Ticket nach London in der Tasche – one way.

‘Jack fliegt raus’ ist ein in Guinness und Jameson marinierter, witzig-makabrer Galopp, immer hart am Klischee des trinkenden und prügelnden Iren, des Macho mit weichem Herz, des Außenseiters im Last Chance Saloon. Knappe Sätze, kein Wort zuviel. Im Englischen wie im Deutschen. Und für Jackaholics hat Harry Rowohlt bereits die nächste Folge in der Mache.

Ken Bruen, Jack Taylor fliegt raus (übersetzt von Harry Rowohlt), Atrium Verlag Zürich, 2009, €16.

geschrieben von Eberhard "Paddy" Bort am 16.10.2009 um 11:45 Uhr.


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