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Kinder in Schulen und Heimen missbraucht und geprügelt

Bericht über Qualen von Jungen und Mädchen in über 100 Einrichtungen der Katholischen Kirche erschüttert Irland.

Kinder in Schulen und Heimen missbraucht und geprügeltDer am 20. Mai im Dubliner Conrad Hotel vorgestellte Bericht über systematischen Kindesmissbrauch in mehr als 100 Schulen und Heimen der katholischen Kirche in Irland hat Bestürzung ausgelöst. Auf mehreren tausende Seiten wird über die Qualen von Mädchen und Jungen in Einrichtungen der katholischen Kirche Buch geführt.

Sechs Jahrzehnte Missbrauch

Prügel und der sexuelle Missbrauch vor allem von Jungen waren in diesen Häusern über viele Jahrzehnte hinweg an der Tagesordnung, wie aus der von der Regierung in Auftrag gegebenen Studie hervorgeht. Sie hätten geradezu "epidemische Ausmaße" angenommen. Von "einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte" sprach Tánaiste Mary Coughlan. Vor dem Hotel hatte sich eine Gruppe von Opfern versammelt – zornig, weil sie nicht eingelassen wurden.

Am Dienstag, den 26. Mai, befaßte sich der Dáil mit dem Bericht der ‘Child Abuse Commission’, dessen Erstellung neun Jahre erforderte und der sechs Jahrzehnte umfasst. Allerdings erscheinen in dem Dokument keine Namen, da die ‘Christian Brothers’, die das Gros der Horrorheime betrieben, es erreichten, dass die Anonymität von Tätern wie Opfern gewahrt wurde. Und wie üblich hatte die Regierung angesichts einer Drohung der Kirche zurückgesteckt. Der Bericht wird also nicht unmittelbar zu gerichtlichen Konsequenzen führen. Mehr als 800 Geistliche, Männer wie Frauen, sind der Verbrechen in den von der katholischen Kirche geführten und vom Staat finanzierten Schulen angeklagt.

Straffreiheit für Täter erregt Öffentlichkeit

Dass sie straffrei davonkommen sollen, erregt die Öffentlichkeit genauso wie die brutalen Details des Berichts. Denn der Staat wusste von alledem – und schwieg.

John Kelly vom Opferverband SOCA kritisierte denn auch den Bericht als enttäuschend, da die Studie keine juristisch bedeutsamen Informationen enthalte. Der Staat wolle verschweigen, dass er seiner Verantwortung nicht nachgekommen sei. Die Kinder seien als "Sklavenarbeiter" an Bauern vermietet worden, so Kelly. Schläge seien für die nicht bei ihren Namen, sondern mit Nummern gerufenen Minderjährigen an der Tagesordnung gewesen. "Ich war nicht John Kelly, ich war Nummer 253, das werde ich niemals vergessen."

Colm O’Gorman, der zwei Jahre lang von Priestern sexuell mißbraucht wurde, sagte: "Da waren Kirchenführer, die mehr an der Vertuschung dieser Verbrechen interessiert waren als am Wohlergehen von Kindern, und das reichte bis hinauf in den Vatikan."

Die wichtigsten Punkte der Studie:

· Körperliche und seelische Qualen waren integraler Teil dieser Institutionen (Schulen, Heime und Anstalten);
· Mangelnde Kirchenaufsicht leistete systematischem Mißbrauch Vorschub;
· Die "unterwürfige" Haltung des Erziehungsministeriums untergrub dessen Möglichkeit zur Kontrolle.

Über 3 000 Opfer hatten sich während der Untersuchung als Zeugen gemeldet, von denen aber aus Zeitgründen nur 1800 persönlich angehört wurden. Auf 2600 Seiten entsteht in dem Bericht ein Bild der Zeit von 1914 bis 1990, als mehr als 30 000 Kinder – oft gegen den Willen ihrer Eltern – diese Waisenhäuser, Besserungsanstalten und Schulen der Katholischen Kirche durchliefen, die für viele von ihnen Orte des Grauens waren. Die Aufbereitung eines der größten Skandale in der Republik kostete laut Irish Times rund 70 Millionen Euro.

"Stoßen, schlagen, treten, auf die Handflächen mit einem Stock geschlagen werden, auf einem Haken hängend geschlagen werden, mit kaltem Wasser niedergespritzt und geschlagen werden, nackt verprügelt, von Hunden gehetzt werden" – die Liste der Torturen ist fast unerschöpflich; genauso wie jene der sexuellen Gewaltakte, denen Knaben und Mädchen über Jahrzehnte hinweg ausgesetzt waren – "im Schlafsaal, in Autos, in Badezimmern, in der Kirche, in der Sakristei." Kinder ab sieben wurden zur Zwangsarbeit genötigt, vorzugsweise zum Knüpfen von Rosenkränzen.

Klima der Angst

Die Kinder hätten jeden Tag aufs Neue in Angst vor Schlägen gelebt, heißt es in dem Bericht. Ein "Klima der Angst" habe in den meisten Einrichtungen geherrscht, schreiben die Verfasser des Dokuments. Die Täter konnten demnach "über einen langen Zeitraum unentdeckt" handeln. Den Opfern sei nicht geglaubt worden, sie seien der Verdorbenheit bezichtigt und oft schwer bestraft worden.

Die Studie wirft Kirche und Staat in Irland vor, die Augen vor den Zuständen in den Einrichtungen verschlossen zu haben. Jeder gemeldete Missbrauch sei von der Kirche als Einzelfall und unter dem Siegel der Verschwiegenheiit behandelt worden. Im besten Fall seien die Täter versetzt, zum Schutz der Minderjährigen dagegen sei nichts unternommen worden. In den wenigen Fällen, in denen das Erziehungsministerium von sexuellem Missbrauch erfahren habe, sei auch vom Staat der Mantel des Schweigens über die Vorfälle gebreitet worden.

Im einzelnen heißt es in der Studie weiter, der Missbrauch von Jungen habe von "unangemessenen Berührungen" bis hin zur Vergewaltigung gereicht. In Jungenschulen seien die Schüler schon für geringe Vergehen "lange und übermäßig" körperlich bestraft worden – Ziel sei "soviel Qual wie möglich" gewesen.

Die Empfehlungen des Berichts:

• Ein Denkmal für die Opfer soll errichtet werden, mit der Inschrift der Entschuldigung des Taoiseach von 1999.

• Staat und Kirche müssen akzeptieren, dass das System die Kinder im Stich gelassen hat, und untersuchen, wie Ideale durch "systematischen Mißbrauch" so in den Dreck gezogen werden konnten.

• Beratung und Erziehungshilfen müssen installiert werden.

• Insassen, die ihrer Familienidentität beraubt wurden, sollte geholfen werden, ihre Verwandten zu finden.

• Kindeserziehung muß sich auf das Wohl der Kinder konzentrieren, und Erwachsene, denen Kinderbetreuung anvertraut ist, müssen den Schutz der Kinder über ihre Loyalität zu Institutionen stellen.

• Regeln und Vorschriften müssen in allen Institutionen befolgt und durchgesetzt werden – eine Praxis, die in der Vergangenheit bis hin zum Erziehungsministerium vernachlässigt wurde.

• Alle Institutionen der Kindserbetreuung müssen regelmäßig von unabhängigen Inspektoren nach objektiven Kriterien – und unangemeldet – überprüft werden.

Disput um Entschädigung

Umstritten bleibt die Frage der Entschädigung der Opfer: Fast 1,3 Milliarden Euro sollen an die Opfer, die heute zwischen 50 und 80 Jahre alt sind, bezahlt werden. Von der Kirche kommen davon nur 129 Millionen Euro. Während die Regierung diesen 2002 heimlich vereinbarten Deal verteidigt und die Kirche "keine Absicht zur Revision unserer Position" zu erkennen gegeben hat, wird beiden ihre Uneinsichtigkeit zunehmend zum Verhängnis. Der Ansehensverlust der Kirche ist immens.

Und aus dem Kabinett waren nach Veröffentlichung des Berichts unterschiedliche Stimmen zu vernehmen. Außenminister Micheál Martin sprach sich für Nachverhandlungen mit der Kirche aus; laut Tánaiste Mary Coughlan sei noch keine Entscheidung gefallen; der Staatssekretär für Kinder, Barry Andrews, dagegen meinte, der Deal von 2002 könne schon aus rechtlichen Gründen nicht nachverhandelt werden. Auch Erziehungsminister Batt O’Keeffe schloss aus, dass nach- oder neuverhandelt und der Staat einen höheren Beitrag von der Kirche fordern würde. Und Ex-Taoiseach Bertie Ahern meinte, es habe keinen Zweck, bei der Kirche vorstellig zu werden – sie habe eh kein Geld.

Präsidentin McAleese spricht Opfern Mitgefühl aus

Irlands Präsidentin Mary McAleese sprach den Opfern ihr Mitgefühl aus. Es sei "schockierend und beschämend, dass so viele Kinder solch fürchterliche Leiden und Missbrauch in Einrichtungen ertragen mussten, deren Pflicht und Bestimmung es eigentlich war, ihnen sichere und liebende Fürsorge zu bieten", sagte die Präsidentin. Ihr Mitgefühl gelte den Opfern "dieser fürchterlichen Ungerechtigkeit".

Das Oberhaupt der katholischen Kirche Irlands, Kardinal Seán Brady, begrüßte die Veröffentlichung des Berichts. Er sei zutiefst beschämt, dass Kinder in kirchlichen Institutionen so hätten leiden müssen. Er sagte weiter: "Wenn Beweise vorliegen, die zu einer gerichtlichen Verurteilung reichen, dann sollten sich die Täter vor Gericht verantworten müssen."

Papst Benedikt ließ durch seinen persönlichen Vertreter in Irland, den Erzbischof Giuseppe Leanza, verlauten, dass er entschlossen sei, die Kirche von pädophilen Priestern zu säubern. Leanza erinnerte gegenüber dem Irish Independent an die "unmissverständliche und kontinuierliche Verurteilung für Kindesmissbrauch in all seinen Formen" durch den Papst. Er verwies auf das Treffen zwischen Papst Benedikt und den irischen Bischöfen im Jahr 2006, nach dem Bericht über den priesterlichen Kindesmissbrauch in der Diözese von Ferns, in dem er die irische Kirche aufgefordert hatte, ihr Haus in Ordnung zu bringen.

Denn natürlich enthält der Bericht im Grunde nichts Neues. Ferns vor drei Jahren. Dann das Versagen von Bischof John Magee in der Durchsetzung einer "Zero Tolerance"-Politik in der Diözese von Cloyne. Ein Bericht über den Kindesmissbrauch in der Erzdiözese Dublin steht noch aus und soll im Juli veröffentlicht werden. Nach den Worten des sehr um die Aufklärung der Vorfälle bemühten Erzbischof Diarmuid Martin sind weitere bestürzende Einzelheiten zu erwarten. Man spricht von bis zu 500 Priestern, die in der irischen Hauptstadt in die Vorgänge verstrickt sein könnten.

geschrieben von Eberhard Bort am 25.05.2009 um 10:00 Uhr.


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