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Paddys Bücherecke
Paddys Buchtipp: Cheating at Canasta
William Trevors Geschichten über verpasste Chancen und innere Zweifel.
Der mittlerweile 80-jährige William Trevor legte letztes Jahr mit ‘Cheating at Canasta’ den elften Kurzgeschichtenband seiner lange währenden erfolgreichen Schriftstellerkarriere vor. Am 1. Mai ist der Band des irischen Altmeisters als Taschenbuch erschienen. Nur die Zeit würde entscheiden, wie der Sommer ausgegangen war – so endet die Geschichte ‘The Children’. Die Frage, wie so oft bei William Trevors Geschichten, bleibt offen. Hier ist es die Frage, ob die elfjährige Tochter eines Witwers verrückt, erfolgreich oder gut beraten war, in ihren Anstrengungen, den Vater von einer neuen Heirat abzuhalten.
Er schummelte, und sie gewann
Die Titelgeschichte spielt in Harry’s Bar in Venedig, wo sich Mallory an einem Sonntagabend an seine verstorbene Frau erinnert. Als ihr Gedächtnis nachließ und von Tag zu Tag schwächer wurde, und damit ihre Erinnerung, ihre Vegangenheit und ihr Leben Stück für Stück ausgelöscht wurde, war es die Partie Canasta, die sie immer noch gemeinsam spielen konnten… Er schummelte, und sie gewann. Mallory erfüllt nun das Versprechen, das er der Sterbenden gegeben hatte, ihre gemeinsamen Lieblingsplätze in Venedig noch einmal aufzusuchen. Am Nachbartisch in der Bar streitet sich ein junges amerikanisches Paar. Er macht ihre Bekanntschaft. Und ihre Unterhaltung scheint beiden Seiten gut zu tun.
Genaue psychologische Beobachtung zeichnet die Geschichten aus, wie die Titelgeschichte, oder ‘Old Flame’, in der über die Empfindungen eines längst verheirateten Mann gegenüber einer längst verflossenen Liebe reflektiert wird. Während sich in ‘Old Flame’ der Ehemann heimlich zu seiner ehemaligen Geliebten stiehlt, verlässt in der ironischerweise ‘A Perfect Relationship’ betitelten Geschichte die Geliebte den Mann ohne Vorwarnung; In jedem Fall spürt Trevor feinfühlig den innerren Zweifeln, Unsicherheiten, Fragen und Verwirrungen seiner Charaktere nach.
Zeitlos oder altmodisch?
Verpasste Chancen, die Unabänderlichkeiten des Schicksals, und die Kraft der Erinnerung, auch wenn sie brüchig und unvollständig ist, gehören zu den Kennzeichen von Trevors Themenarsenal, erzählt in der von ihm bereits gewohnten schnörkellosen Prosa, die nicht sich selbst in den Mittelpunkt vordrängt, sondern sich ganz und gar in den Dienst der Geschichten stellt. Trevor benutzt keine Gimmicks, er vetraut seinem nuancierten Schreibstil. Manchen gilt er daher als ‘altmodisch’. Ein besserer Begriff, um Inhalt und Stil seiner Geschichten zu beschreiben, ist ‘zeitlos’. Obwohl natürlich in Euros bezahlt und auch einmal ein organisches Huhn gekauft wird, obwohl eine Geschichte im Cyber Café spielt – diese Geschichten sind nicht an eine bestimmte Zeit gebunden.
Trevor, der von sich gesagt hat, er sei ein Kurzgeschichtenautor, der ab und zu auch einen Roman schreibt, varriiert Sujet und Ort der Handlung seiner zwölf Stories, von Dublin, wo er (in ‘Bravado’) einen Fall von Gewalt von Teenagern und deren Konsequenzen beleuchtet, zu einem Fall von Fahrerflucht in Galway (‘The Dressmaker’s Child’) und zu sexuellem Missbrauch in Wexford (‘Men of Ireland’). Eine Verschwörung des Schweigens bildet den Kern einiger Geschichten. Eine Frau verschweigt ihrem Ehemann gegenüber, dass sie die Briefe seiner ehemaligen Geliebten liest; ein Priester verbirgt seine Glaubenskrise, damit seine Schwester in Frieden sterben kann. Die kleinen und großen Lügen, die das Leben eträglicher machen. Und hinter allem lauert der Tod.
Trevor bietet keinen moralischen Kompass und keine nostalgisch gefärbte Vision. Dafür werden die komplexen Tiefen der menschlichen Natur ausgeleuchtet – auch in Momenten des Glücks, in denen sich die verändernde Kraft der Liebe zeigt.
William Trevor, Cheating at Canasta, London: Penguin, £7.99.
geschrieben von Eberhard Bort am 05.05.2008 um 00:21 Uhr.


