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News
News aus Irland
Irland und Deutschland - eine ungetrübte Freundschaft
Wie der irische Botschafter, Sean O' Huiginn, über die deutsch-irischen Beziehungen denkt
Die Geografie spielt im Schicksal eines jeden Landes eine prägende Rolle und Irland macht hier keine Ausnahme. Seine Insellage am Westrand Europas bedeutet, dass sich die engsten Beziehungen mit den unmittelbaren atlantischen Nachbarn entwickelt haben – Großbritannien natürlich, aber auch Frankreich und die Iberische Halbinsel. Die festen Beziehungen mit den Wikingern und später mit den Normannen haben eine bedeutende genetische und kulturelle Erbschaft hinterlassen. In der neueren Geschichte übte Nordamerika eine mächtige wirtschaftliche und demografische Anziehungskraft aus.
Irlands Beziehungen zu Deutschland, einem überwiegend dem Kontinent verbundenem Land waren daher weniger intensiv und anhaltend. Dies bedeutet aber auch, dass diese deutsch-irischen Beziehungen von der Geschichte unbelastet und ohne dunkle Erinnerungen sind. Während der letzten Jahrzehnte haben diese Beziehungen durch die EU eine vollständig neue Dimension angenommen. Sie sind bestimmt durch ein großes Maß an Verständnis und Solidarität und reflektieren die starke öffentliche Unterstützung für das europäische Projekt in beiden Ländern und eine enge Zusammenarbeit.
In Bezug auf die gegenseitige Beeinflussung waren die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Irland von größter Bedeutung. Der bemerkenswerte Einfluss irischer Heiliger und Gelehrter auf Europa während des frühen Mittelalters erreichte auch die germanischen Gebiete. Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der heilige Sankt Gallus, dessen Name das einflussreiche Kloster trägt, oder Sankt Kilian in Würzburg werden klar in den geschichtlichen Annalen erwähnt. Andere irische Persönlichkeiten haben im deutschen Mittelalter (Gelehrte haben mehr als 100 aufgelistet) eine weniger dokumentierte Geschichte hinterlassen, aber die Häufigkeit von sogenannten Schottenklöstern (der Begriff Scoti bedeutete zu dieser Zeit Irisch) belegen den irischen Einfluss in vielen deutschen Städten. Der Einfluss Irlands auf das reiche deutsche mittelalterliche Erbe ist beachtlich, auch wenn sich Gelehrte darüber streiten, ob nun große literarische Meisterwerke, wie zum Beispiel Tristan oder der Parzifal unmittelbaren irischen Einfluss widerspiegeln oder eher diffuse keltische Themen, die durch andere Quellen übermittelt wurden.
Populäre keltische Vergangenheit
In umgekehrter Richtung übten viele Jahrhunderte später deutsche Keltologen einen beachtlichen kulturellen, ja sogar politischen, Einfluss auf Irland aus – besonders zu erwähnen wäre hier zum Beispiel Kuno Meyer. Die Wiederentdeckung und Popularisierung der keltischen Vergangenheit Irlands spielte eine wichtige Rolle bei der Wiedergeburt der irischen Literatur im 20. Jahrhundert und im steigenden irischen nationalen Selbstbewusstsein, das letztendlich zur Unabhängigkeit führte. Deutschland spielte auch in Irlands Kampf für Unabhängigkeit eine Nebenrolle auch in militärischer Hinsicht, als Sir Roger Casement den letzten bedeutsamen Versuch der irischen Geschichte unternahm, die Unterstützung einer europäischen Großmacht im Kampf gegen die britische Herrschaft über Irland zu gewinnen. Sein Versuch schlug fehl und endete mit seiner Hinrichtung. Ein erfolgreicherer deutscher Beitrag zur irischen nationalen Entwicklung wurde im Jahre 1925 geleistet, als Siemens auserwählt wurde, das erste hydro-elektrische Kraftwerk Irlands zu errichten, ein Großprojekt am Shannon, das seinerzeit ein Fünftel des gesamten Jahres-Staatshaushalts kostete.
Irlands Neutralität während des Zweiten Weltkriegs zeigte wenig Sympathie mit dem Nazi-Regime, und Historiker sind sich im Allgemeinen einig, dass in der praktischen Anwendung dieser Politik die Allierten bevorteilt wurden. In der Krise nach dem Ersten Weltkrieg bekundete das irische Volk sein Mitgefühl für das Leiden der deutschen Bevölkerung, und der irische Staat verzichtete sofort auf seinen Anspruch auf deutsche Reparationszahlungen. Angesichts der Not, die damals in Deutschland herrschte, leistete Irland auch nach dem Zweiten Weltkrieg beachtliche humanitäre Hilfe.
Kuriose Kapitel
Obwohl der direkte geschichtliche Einfluss begrenzt war, wurden auf individueller Ebene der Beziehungen zwischen Irland und Deutschland auch viele kuriose Kapitel geschrieben. Es gab Glücksritter auf beiden Seiten – vertriebener katholischer Landadel, wie die Browns und die Taafes, erreichten beachtliche Stellungen am Habsburger Hof wie auch in Frankreich und Spanien. Der deutsche Marschall Schaumburg fiel in der Schlacht an der Boyne und ist durch eine bissige Grabschrift, verfasst von Dean Swift, verewigt worden, wie auch Schiller die irischen Offiziere, die das Attentat auf Wallenstein im Auftrag des Kaisers verübten, unsterblich gemacht hat. Der Ire Mulvaney (siehe DIF-Schriftenreihe No 2) war ein Wegbereiter bei der Industrialisierung des Ruhrgebiets. Der Deutsche Richard Cassell war wahrscheinlich der einflussreichste Architekt des Klassizismus in Irland. Die irische Schönheit Lola Montez kostete den König von Bayern seinen Thron. Eine Kolonie aus der Pfalz siedelte im 18. Jahrhundert in Limerick, wo in den heutigen Telefonbüchern noch Beispiele von deren deutschen Nachnamen zu finden sind. Die historische erste Transatlantiküberquerung von Ost nach West, der Flug der „Bremen“ im Jahr 1928, war eine Partnerschaft bestehend aus Kommandant FitzMaurice des irischen Air Corps und den Deutschen Baron von Hünefeld und Kapitän Köhler. Das Netz individueller Kontakte ist also sehr abwechslungsreich.
Die bilateralen Beziehungen auf wirtschaftlicher Ebene sind bedeutend.
Deutschland ist sowohl Irlands drittgrößter Handelspartner, Importlieferant als auch drittgrößter Exportmarkt. Im Jahr 2002 beliefen sich irische Exporte auf i 6,7 Milliarden. Importe aus Deutschland im gleichen Jahr hatten einen Wert von i 3,5 Milliarden. Lebensmittelexporte, die vielleicht für den deutschen Verbraucher der auffälligste Bereich sind, betrugen im Jahr 2002 i 371 Millionen, ein Anstieg von i 360 im Vorjahr.
Deutschland - zweitgrößter Investor in Irland
Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Investor in Irland. Über 148 deutsche Firmen haben Niederlassungen in Irland und beschäftigen ca. 13.500 Personen. Deutsche Firmen sind in vielen Bereichen in Irland vertreten, aber hauptsächlich im Fertigungsbereich und im internationalen Dienstleistungssektor. Als Hauptgrund für die Attraktivität des irischen Marktes für deutsche Investitionen gilt das junge, gut ausgebildete, flexible und höchst produktive Arbeitskräftepotential.
Der größteTeil der Investitionen wurde traditionell von mittelständischen Familienbetrieben im Fertigungsbereich getätigt. Dies hatte besonders günstige Auswirkungen, da die meisten deutschen Betriebe in kleineren Orten überall im Land angesiedelt sind und so eine sozial wichtige Unterstützung in diesen Gebieten darstellen. Bauelemente für die Bereiche Maschinen- und Automobilbau sind ein wichtiger Investitionsbereich.
Deutschland ist ebenfalls ein bedeutender Investor im International Financial Services Centre in Dublin. Über vierzig Unternehmen deutschen Ursprungs sind mit eigenständigen Operationen in den verschiedenen Bereichen im IFSC vertreten, sowie die größten deutschen Banken und Versicherungsgesellschaften.
Auf dem deutschen Markt sind ungefähr sechzig irische Firmen aktiv. Diese reichen von Verkaufsbüros, Vertriebsgesellschaften bis hin zu Fertigungsbetrieben und Forschungseinrichtungen.
Bölls Cottage auf Achill Island
Für Irland ist der Tourismus aus Deutschland bedeutend. Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“, das im Jahr 1957 erschienen ist, zeigt ein traditionelles Irland, das sich bereits damals im Umbruch befand. Aber Bölls liebevolle Schilderung hatte enormen Einfluss auf die Anschauung der Deutschen über Irland und den deutschen Tourismus nach Irland. Es ist daher sehr passend, dass sein Cottage auf Achill Island heute als Zentrum für den deutsch-irischen künstlerischen Dialog bewahrt wird. Zur Zeit steht Deutschland mit jährlich 300.000 Urlaubern an dritter Stelle nach Großbritannien und Nordamerika. Nach einem Rückgang in der Zeit bis 2002, der einer allgemeinen Abnahme des deutschen Tourismus entsprach, gab es eine leichte Erholung, derzufolge Irland einen Anstieg des Marktanteils verzeichnen konnte. Durch eine Erhöhung der Anzahl der Direktflüge zwischen Irland und Deutschland in diesem Jahr, einschließlich einer direkten Aer Lingus-Verbindung zwischen Dublin und Berlin, wird der Tourismus und Möglichkeiten für das gegenseitige Kennenlernen weiter entwickelt.
Obwohl die bilateralen Beziehungen bedeutend sind, muss der volle Umfang der deutsch-irischen Beziehungen der Interaktion zwischen beiden Ländern in ihren gemeinsamen Institutionen Rechnung tragen.
Beide Länder haben ihre beachtlichen Beiträge zur Weltkultur geleistet und haben dadurch fast unbewusst Anteil am kulturellen Erbe des anderen. Das dichte Geflecht literarischer Verbindungen und die Popularität irischer traditioneller Musik in Deutschland, oder das deutsche klassische Repertoire in Irland sind typische Beispiele.
Diese Dimension ist in Bezug auf die Europäische Union natürlich besonders ausgeprägt.
Irland zählt demnächst zu den Geberländern der EU
Man könnte behaupten, dass eine der wichtigsten Entscheidungen, die die deutsch-irischen Beziehungen betrifft, im Jahre 1978 getroffen wurde, als sich die irische Regierung entschied dem Europäischen Währungssystem beizutreten. Dies brach die 150 Jahre alte Verknüpfung mit dem Sterling, und gab der irischen Währung und Wirtschaft eine Neuorientierung zur DM-Zone. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten war das wirtschaftliche Ergebnis dieser Entscheidung sehr positiv. Als 2002 die gemeinsame Eurowährung eingeführt wurde, konnte Irland ohne große Schwierigkeiten die geforderten Voraussetzungen erfüllen, um ein Gründungsmitglied für die Eurozone zu werden – bis jetzt der einzige englischsprachige Mitgliedsstaat.
Die Mitgliedschaft in der EU war auch der endgültige Bruch mit dem Protektionismus, der die irischen Wirtschaft der frühen Jahre des Staates Irland regelte, wie in vielen anderen Ländern auch. Eine Umfrage vom März diesen Jahres ergab, dass Irland die globalisierteste Wirtschaft in Europa hat. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen lag zum Zeitpunkt des EU-Beitritts bei 62% des europäischen Durchschnitts, heute liegt es etwas über dem Durchschnitt. Dies hat allerdings den Nebeneffekt, dass Irland demnächst zu den Geberländern innerhalb der Union aufsteigen wird. Irland hat sich von einem typischen Auswandererland, was dazu führte, dass einige 70 Millionen Menschen irischer Abstammung überall in der Welt leben, zu einem Einwandererland entwickelt, das heute ungefähr 45.000 Immigranten pro Jahr aufnimmt.
Großbritannien und Irland
Die Mitgliedschaft in der EU und die daraus resultierenden engeren Verbindungen zu Kontinentaleuropa haben paradoxer Weise auch zu einem Wandel in den britisch-irischen Beziehungen geführt und es ermöglicht viele der ungelösten Fragen innerhalb des EU-Rahmens zu klären, was in einem bilateralen Kontext wahrscheinlich wesentlich schwieriger gewesen wäre. Die enge und im Allgemeinen erfolgreiche Partnerschaft zwischen Großbritannien und Irland in den letzten Jahren bei der Lösung der Nordirlandfrage kann, wenn auch indirekt, auf diese Tatsache zurückgeführt werden.
Dass die Europäische Union ein so passender Rahmen für Irland und andere kleinere Staaten war, hing nicht zuletzt von der Rolle Deutschlands bei der Gestaltung des europäischen Integrationsprozesses ab.
Die Iren wissen um Deutschlands positive Rolle bei der Schaffung einer Union, die die Rolle kleinerer Mitgliedstaaten respektiert, und die Unterstützung, die die Union den ärmeren Regionen hat zukommen lassen, damit auch diese Wohlstand bilden konnten.
Irland - starker Befürworter der EU-Erweiterung
In Fragen, die die zukünftige Gestalt der Union betreffen, gibt es ebenfalls enges Einvernehmen zwischen Deutschland und Irland. Irland hatte die EU-Ratspräsidentschaft zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung inne, und versuchte Bundeskanzler Kohl bei diesem Projekt, das die irische Öffentlichkeit intuitiv verstand und guthieß, im Rahmen der Möglichkeiten unserer Präsidentschaft zu unterstützen. Irland war wie auch Deutschland starker Befürworter der EU-Erweiterung und hatte die Ehre, am 1. Mai 2004 den Vorsitz bei den Feierlichkeiten zum Beitritt der neuen Mitglieder zu führen. Unsere Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2004 wurde geprägt von den Versuchen eine Einigung über die europäische Verfassung zu erreichen und zweitens, den wirtschaftlichen Reformen der Lissabon-Agenda neuen Antrieb zu verleihen. Beides sind Ziele, wo Irland und Deutschland wieder weitgehend einer Meinung sind, und wo es zwischen beiden engste Zusammenarbeit gibt.
Die Einigung auf den europäischen Verfassungsvertrag im Juni 2004 wurde überall in der Union als Meisterleistung des Verhandlungsgeschicks und als Beweis der anhaltenden Dynamik des europäischen Integrationsprozesses begrüßt. Wenn, wie wir hoffen, der Vertrag von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert ist und in Kraft tritt, wird er der Union und ihren Bürgern verständlichere, transparentere und effektivere Möglichkeiten bieten, den internen und externen Herausforderungen zu begegnen, denen sie heute gegenübersteht. Irland ist stolz auf den Beitrag, den es als engagiertes Mitgliedsland zu dieser bedeutenden Entwicklung leisten konnte.
(Quelle: Irische Botschaft)
geschrieben von Veit Müller am 12.04.2006 um 23:14 Uhr.


